»Zu zweit ist man einfach weniger allein« – Alex Reinberg und Leni Gruber im Interview zu »Preiswerte Lösungen für ein besseres Leben«

In »Preiswerte Lösungen für ein besseres Leben« erzählt das Regieduo Alex Reinberg und Leni Gruber die Geschichte einer Frau, die aus Scheu vor Verantwortung in ein anderes Leben flüchtet. Der Kurzfilm war 2025 bei der Diagonale zu sehen und hat dort den Thomas-Pluch-Drehbuch­preis gewonnen, nun ist er in der Cinema Next Series kostenfrei zu streamen. Im Interview geben uns die Filme­macher*innen einen Einblick in ihre Zusammen­arbeit und erzählen von ihrem neuen Projekt mit sprechenden Schafen.

© Lemonade Films — Anna spürt die Quarterlife-Crisis und möchte ihren Lebensentscheidungen kurz entfliehen.

»Preiswerte Lösungen für ein besseres Leben« ist die nächste Veröffentlichung in der Cinema Next Series, die regelmäßig auf der Streamingplattform Kino VOD Club kostenlos spannende Filme von heimischen Filmtalenten präsentiert.

In euren eigenen Worten: Worum geht es in »Preiswerte Lösungen für ein besseres Leben«?

Alex Reinberg und Leni Gruber: Es geht um Anna, Mitte 30, die eigentlich alles hat, was man sich wünschen kann. Einen stabilen Job, einen liebevollen Partner und ein neues Haus im Speckgürtel. Doch die allmähliche Unaus­weich­lichkeit dieser Leben­sentscheidungen löst in ihr einen immer größer werdenden Druck aus. Als Anna dann eines Tages im Ikea mit einer Verkäuferin verwechselt wird, ergreift sie die Chance und schlüpft in das Leben einer offenbar verschwundenen Frau. Im Endeffekt​ ist es wieder eine Geschichte, die stark von unserem eigenen Leben inspiriert ist. Mit Mitte 30 sind wir selbst gerade in einer ähnlichen Lebensphase und kennen das Gefühl, dass das Leben in scheinbar irreversible Bahnen einlenkt, auch wenn das in dieser Drastik vielleicht gar nicht mal der Fall ist.

Ihr habt nicht nur Regie geführt, sondern auch das Drehbuch geschrieben. Wie ist die Idee zum Film entstanden? Gab es einen konkreten Ausgangspunkt – eine Beobachtung, ein Gespräch, eine Situation?

Die Idee kam tatsächlich aus einer konkreten Situation: Alex wurde nämlich im Media Markt mit einem Verkäufer verwechselt und gefragt, wo denn die Druckerpatronen seien. Wir fanden dieses Miss­verständnis sofort sehr witzig, aber auch spannend. Dann fragten wir uns, was passieren würde, wenn man so eine Verwechslung nicht auflöst, und aus welcher Motivation heraus eine Hauptfigur so etwas wohl tun würde. Daraus ergab sich dann recht schnell die Geschichte einer Figur, die aus Scheu vor Verantwortung in ein anderes Leben flüchtet.

Ihr habt bereits mehrere Filme gemeinsam realisiert, etwa »Hollywood«, der ebenfalls in der Cinema Next Series zu sehen ist. Wie funktioniert eure Zusammenarbeit beim Schreiben und Inszenieren ganz praktisch?

Im Schreibprozess brainstormen wir gemeinsam, welche Themen und Figuren uns gerade interessieren, und werfen erst mal ganz ungezwungen Ideen in den Raum. Das hat oft etwas von Pingpong. Wir schreiben dann auch gemeinsam die Bücher, wobei Alex bei den Dialogen feder­führend ist. Dadurch haben wir schon früh eine gemeinsame Vorstellung davon, wie der Film später aussehen soll. Beim Casting und in der gesamten Vorbereitung versuchen wir, dem Buch so nah wie möglich zu kommen. Wenn wir unter­schiedlicher Meinung sind, empfinden wir das eher als Bereicherung, weil es uns dazu bringt, genauer hinzuschauen. Auf dem Weg, die Perspektive des anderen wirklich zu verstehen, findet man dann meist einen gemeinsamen Nenner oder sogar eine noch bessere Lösung. Bei der Inszenierung der Schau­spieler*innen teilen wir uns manchmal auch auf – oder eine*r von uns übernimmt die Kommunikation.

Was reizt euch daran, als Duo zu arbeiten, statt alleine Regie zu führen?

Man hat immer ein Gegenüber an der Seite, das einen herausfordert und dazu bringt, Dinge zu hinterfragen. Dieses Korrektiv führt zu einer tieferen Auseinander­setzung mit Themen und das spürt man dann hoffentlich auch im Film. Außerdem ist man zu zweit einfach weniger allein, und gerade als Nachwuchs im Film­geschäft ist das auch emotional ein großer Vorteil.

Wie habt ihr eigentlich zueinander gefunden und beschlossen, gemeinsam Filme zu machen?

Wir haben in selben Jahrgang an der Filmakademie studiert und die Arbeiten des jeweils anderen immer geschätzt. 2020 begannen wir dann, gemeinsam an einem Serienstoff zu schreiben, und 2022 beschlossen wir, unseren ersten gemein­samen Kurzfilm »Hollywood« zu drehen. Der Erfolg des Films bestätigte, was wir vorher eh schon geahnt hatten, und zwar, dass unser gemein­samer Output ganz gut funktioniert.

Anna (Claudia Kainberger) ist unzufrieden mit ihrem Job, in dem sie wie von Zauberhand befördert wird, …
… und flüchtet dank einer Verwechslung in einen neuen Job, der auch ein ganzes fremdes Leben mit sich bringt, das sie ebenfalls übernimmt. © Lemonade Films

Und wie habt ihr die Haupt­darstellerin gefunden? Was war euch bei der Besetzung der Figuren besonders wichtig?

Für die meisten Rollen hatten wir bereits im Schreibprozess die Besetzung im Kopf. Etwa Harry Lampl als Christoph, Alexander Stecher als Firmenchef oder Thomas Schubert als Ikea-Mitarbeiter. Bei unserer Hauptfigur Anna war das anders, weshalb wir ein kleines Casting organisierten. Dazu luden wir auch Claudia Kainberger ein. Wir hatten sie bereits aus Filmen von Marie Luise Lehner oder Nicolas Pindeus gekannt und waren nach dem Casting hellauf begeistert. Es ist erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit Claudia zwischen Drama und Komödie wechseln kann und wie ausdrucks­stark allein schon ihre Blicke sind. Das ist für eine Rolle, die in der ersten Hälfte des Films kaum spricht, natürlich essenziell. Da wir auch in diesem Film mit einer Mischung aus professionellen Darsteller*innen und Lai*innen arbeiteten, achteten wir darauf, dass sich das Spiel der Hauptrolle gut mit dem der Lai*innen verbinden lässt. Dafür braucht die schauspielende Person ein gutes Gespür und auch eine gewisse Improvisations­fähigkeit. All das bringt Claudia mit.

Eure Filme haben oft einen starken Humor – was bekanntlich besonders schwer umzusetzen ist. Wie viel eures Humors entsteht schon im Drehbuch und wie viel erst am Set oder im Schnitt?

Der Humor entsteht bei uns größtenteils im Drehbuch und ist meistens schon in der Prämisse des Films angelegt. Bei »Hollywood« beispielsweise geht es um eine mäßig erfolgreiche Schauspielerin, die als Opfer­darstellerin bei Feuerwehr­übungen mitspielt. Und bei »Preiswerte Lösungen für ein besseres Leben« bedienen wir uns bewusst des Genres der Verwechslungskomödie. Auch die Dialoge sind meist schon sehr nah an dem, was später im Film landet. Allerdings sind unsere Drehbücher meist kürzer als der fertige Film. Szenen, die im Buch eher unscheinbar scheinen, entwickeln am Set und durch die Inszenierung oft eine größere Wirkung als ursprünglich geplant. So schaffen wir uns kleine Inseln beim Drehen, die Raum für Improvisation und kreativen Input unserer Schau­spieler*innen zulassen. Die letzte Szene von »Pfusch am Bau« zum Beispiel ist größtenteils improvisiert und war im Drehbuch noch deutlich kürzer angelegt. Und klar, im Schnitt passiert dann auch noch einiges, weil wir hier mit Rhythmus, Timing und bewusst gesetzten Pausen den Humor, wenn gewollt, noch stärker heraus­kitzeln können.

In einem früheren Interview mit Cinema Next habt ihr gesagt, dass ihr große Lust auf einen Lang­film hättet – damals aber noch ohne konkrete Idee. Hat sich das inzwischen geändert? Woran arbeitet ihr gerade und worauf kann man sich als Nächstes von euch freuen?

Momentan stellen wir eine fünfteilige Webserie fertig, die wir für ZDF und ORF drehen durften. Konkret handelt es sich um eine Dramedy mit sprechenden Schafen. Von der Umsetzung her kann man es sich ein bisschen wie das »Schweinchen Babe« vorstellen. Wir haben also mit echten Schafen gedreht, deren Münder in der Post­produktion zu Sprach­aufnahmen animiert werden. Es ist wahrscheinlich das verrückteste Projekt, das wir je machen durften, und noch verrückter ist, dass wir damit im April 2026 beim Festival Cannesseries Premiere feiern dürfen. Noch im selben Jahr soll die Serie dann in den Mediatheken erscheinen. Uns schwirren aber auch schon andere Ideen für Fernsehen und Kino im Kopf herum. Mal schauen, was als Nächstes ge­fördert wird.

Alex Reinberg absolvierte das Bachelor­studium Buch und Dramaturgie an der Film­akademie Wien. 2019 studierte er Screenwriting for Film and Television an der University of Southern California, Los Angeles. Er setzte dieses Studium danach in Wien fort. Auch Leni Gruber studierte Buch und Dramaturgie an der Filmakademie Wien. Neben ihrer Ausbildung sammelte sie Erfahrung im Bereich Script/Continuity bei diversen Film- und Serienprojekten. Beide realisierten bereits mehrere Kurzfilme, die bei nationalen wie inter­nationalen Festivals gezeigt wurden. Ihre gemeinsame Arbeit »Hollywood« (2022) wurde für den Österreichischen Filmpreis nominiert. 2025 wurden die beiden für »Preiswerte Lösungen für ein besseres Leben« mit dem Thomas-Pluch-Drehbuch­preis ausgezeichnet. Ihre von ZDF und ORF kofinanzierte Miniserie »Sheep«, eine Satire mit sprechenden Schafen, soll noch im Frühjahr 2026 starten. Derzeit arbeitet das Duo an mehreren Projekten, unter anderem an seinem ersten Langfilm.

Eine Interviewreihe in Kooperation mit Cinema Next – Junger Film aus Österreich.

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